Buchtipps
„Wer sind wir? Deutschland auf der Suche nach seiner Identität.“
Von Joschka Fischer
Bekanntlich herrscht im Himmel große Freude über reuige Sünder. Noch mehr Freude herrscht angeblich über einsichtige Politiker…
Das jüngst erschienene Buch von Joschka Fischer, dem einstigen Grünen-Star und langjährigen Außenminister, zeigt eine erstaunliche Wandlung seines Autors.
Das Buch ist ein leidenschaftlicher Appell, unsere Demokratie und unsere Zugehörigkeit und Integration in Europa und in der freien westlichen Welt zu verteidigen und zu bewahren.
Im Mittelpunkt der vielen aufgeworfenen Fragen von Joschka Fischer steht dabei als „Held“ der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland Konrad Adenauer.
Es ist eine beachtliche Hommage des ehemaligen Politikers von Bündnis90 / Die Grünen an einen Staatsmann, der, die einzig vernünftige Konsequenz aus seiner geopolitischen Mittellage gezogen hat, so wörtlich, nämlich seine Europäisierung.
In diesem Kontext erwähnt der Autor bewundernd die große Leistung des „Alten“ bei der Aussöhnung mit Frankreich und der Westbindung.
Das Buch ist auch ein Beleg für die Fassungslosigkeit des einstigen Grünen-Politikers angesichts des Verlustes der USA als demokratische Führungsmacht. Daraus erwächst für das deutsch-französische Tandem eine besondere Aufgabe. Gelte es doch, das Scheitern der EU und den damit verbundenen Absturz in die machtpolitische Bedeutungslosigkeit zu verhindern.
Angesichts der geopolitischen Unruhe und Verschiebungen, der gewaltigen militärischen Herausforderungen auch vor dem Hintergrund der neuen „Kriegsführung“ mit KI, Cyberattacken und Drohnen, ist dies ein lesenswertes Buch.
Für Joschka Fischer ist bei seiner Suche nach der deutschen Identität der erste Bundeskanzler und CDU - Vorsitzende Konrad Adenauer ein Vorbild.
Diese unerwartete Einsicht sollte uns gerade 2026, in dem sich der 150. Geburtstag Adenauers jährt, motivieren, uns an dessen Politik zu erinnern.
Es lohnt sich auch bei der Suche nach Antworten auf Fragen der Zeit und der Gestaltung der Zukunft.
++++
„Der Teufelspakt. Eine Geschichte der deutsch – russischen Beziehungen.“
Diese Neuauflage von Sebastian Haffner, des großartigen Essayisten der Historie, ist ein Meisterstück der Geschichtsschreibung, die uns betrifft.
Angereichert mit einem beeindruckenden Nachwort von Karl Schlögel, dem renommierten Osteuropa-Historiker und Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels von 2025, ist dieses Buch ein absolutes Muss für jeden politisch Interessierten.
Der „Teufelspakt“ zwischen Deutschland und Russland begann für Sebastian Haffner im April 1917, als Lenin, Anführer der bolschewistischen Revolution, mit Hilfe der deutschen Reichsregierung im plombierten Eisenbahnwagon nach Petrograd reisen konnte, um die dortige Regierung zu stürzen.
Die damalige deutsche Politik versprach sich von der Schwächung den Zusammenbruch des gefährlichen Nachbarn im Osten. Immerhin befand sich Deutschland damals im „Zweifrontenkrieg“ gegen die Westmächte und gegen das Zarenreich …
„Der Teufelspakt“ ist zur richtigen Zeit erschienen angesichts des Krieges Putins in der Ukraine im nunmehr fünften Jahr.
Es ist von einer nahezu eindringlichen Zeitlosigkeit und wirft viele Fragen auf. Dazu gehören das Bewusstsein zu Hitlers Vernichtungskrieg in der Sowjetunion und die Westpolitik Adenauers nach der Befreiung von der Nazi-Diktatur beim Aufbau und der Integration der Bundesrepublik Deutschland.
Gleichzeitig erinnert uns der Autor daran, nicht von Russland zu reden, wenn wir die Geschichte der Sowjetunion meinen.
Auch wenn der große Philosoph Hegel zu der Einsicht gelangte, dass wir nichts aus der Geschichte lernen, so ist dieses Buch eine große Hilfe zur kritischen zeithistorischen Meinungsbildung und ein wertvoller Beitrag zur politischen Diskussion.
++++
„Der Westen sind jetzt wir. Von unzuverlässigen Freunden und entschlossenen Gegnern: Deutschlands neue Verantwortung.“
Der Verfasser dieses kritischen Buches, Jörg Lau, betrachtet die USA, Russland, China und den Nahen Osten aus der Sicht der deutschen Außenpolitik und benennt deren bisherige Defizite.
Er diagnostiziert dabei erhebliche Fehleinschätzungen im Umgang mit Russland, USA, Israel und China. Dabei arbeitet er die fehlende Erkenntnis der Bedrohung durch Russland und China und die Illusion der Philosophie „Wandel durch Handel“ heraus.
Die zeitweise herrschende Illusion von Putins Russland als Modernisierungspartner wird faktenreich dargestellt.
Ebenso beschreibt er folgerichtig den langanhaltenden Irrglauben, dass Amerika der genuine Garant europäischer Sicherheit sei.
In der Einschätzung der deutschen Israel-Politik kritisiert Jörg Lau, seit 2007 Redakteur für Außenpolitik im Hauptstadtbüro der „Zeit“ in Berlin, die mangelnde Sensibilität, um zu erkennen, dass es sowohl israelische als auch palästinensische Kräfte gibt, die einen friedlichen Ausgleich nicht wollen und dagegen eine Lösung durch Gewalt und Vertreibung suchen.
Seine Forderung an die deutsche Außenpolitik ist die schonungslose Bestandsaufnahme der außenpolitischen Beziehungen. Nur so könne Deutschland einen wichtigen Beitrag leisten, um die westliche Demokratie zu retten und zu stärken.
++++
„Was wollen wir? Was können wir? Deutschlands Rolle in der globalen Machtverschiebung.“
Roderich Kiesewetter, bekannter und streitbarer Außen- und Verteidigungspolitiker der CDU und ehemaliger Generalstabsoffizier, analysiert brillant die gegenwärtige Lage und skizziert kenntnisreich Zukunftsszenarien.
Nach Roderich Kiesewetter befindet sich Europa in einem Systemkrieg, der unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung erheblich bedrohe.
Für die Selbstbehauptung Europas komme, so der Autor, der Zukunft Taiwans und der Ukraine eine besondere Bedeutung zu.
Europa könne, auch ohne die USA, der Ukraine zum Sieg gegen den russischen Aggressor verhelfen, wenn auch Berlin das ernsthaft wolle. Dazu sei erforderlich, die Koalition der Willigen noch stärker zu machen.
Was dazu notwendig ist, beschreibt der CDU-Politiker in seinen auf 50 Seiten dargestellten Forderungen und den sich anschließenden zehn Punkte umfassenden nationalen Notwendigkeiten.
Vom Ausrufen des Spannungsfalls über eine Agenda der Sofort-Maßnahmen für die Umsetzung der Zeitenwende in der Bundeswehr bis hin zu einer Quick-Reform der Nachrichtendienste umfasst sein Handlungskatalog.
Für Kiesewetter hat die Unterstützung der Ukraine oberste Priorität, danach folgt der Aufbau von „Smart Power in Europa.“
Gemeint ist damit die Übernahme von Aufgaben, die bislang von den USA in Europa übernommen wurden. Dazu gehören der strategische Lufttransport, die Satellitenaufklärung, die Flugabwehr und die Marschflugkörper.
Das Buch besticht durch seine detaillierten, durchdachten und umfassenden Handlungsanweisungen für die deutsche Außen- und Verteidigungspolitik.
Ein Buch, das für alle, die einen sachlichen politischen Beitrag leisten wollen, ein wichtiger Ratgeber ist.
+++
Liebe Leserin, lieber Leser,
zumindest ein sachlich fundierter Überblick, historische Faktenkenntnis und hin und wieder ein begründeter Perspektivwechsel sind für die politische Meinungsbildung von großem Vorteil.
Ich wünsche Ihnen eine informative, spannende Lektüre und manch neue Erkenntnis.
Herzlichen Gruß
Ihr
Jörg Max Fröhlich