Buchtipps
Gustav Seibt, „Ein Sommer mit Goethe“, C. H. Beck, München 2026
Das Werk unseres großen Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe ist gigantisch, eine beeindruckende historische und biographische Fundgrube und erfordert von den Leserinnen und Lesern Disziplin, Konzentration sowie die Bereitschaft, geistiges Neuland zu betreten.
Gustav Seibt, bekannter und anerkannter Autor feuilletonistischer Beiträge der Süddeutschen Zeitung ist es mit seinem Buch „Ein Sommer mit Goethe“ gelungen, uns einen verständlichen Zugang zu den Texten von Goethe zu schaffen.
In knapp 50 Kapiteln kommt der große Dichter und Denker zu Wort. Dabei werden unter anderem Alter, Bildung, Ehe, Freiheit, Glück, Liebe, Religion, Theater und Tod mit wohltuendem Tiefgang thematisiert.
Das Buch ist eine äußerst lesenswerte Sammlung des lebenslangen Nachdenkens eines der Größten der Weltliteratur in seiner unnachahmlichen sprachlichen Virtuosität.
Wer sich auf dieses bemerkenswerte Buch einlässt, dem öffnet sich eine faszinierende Welt des Freisinns. Durch die Auseinandersetzung mit den Gedanken von Goethe erleben wir neue Sichtweisen, werden Tiefendimensionen sichtbar und Zusammenhänge klarer.
Den Leserinnen und Lesern bietet sich einen Sommer lang die Möglichkeit, sich den bleibenden Erkenntnissen des großen Meisters intensiv zu widmen.
Eine aufmerksame Reise in die Gedankenwelt der besonderen Art lohnt sich auf jeden Fall. Zumal in den vor uns liegenden Sommer- und Ferienmonaten.
Claudia Kemfert, „Kurzschluss. Wie wir unsere Energiezukunft verspielen.“ Campus, Frankfurt 2026
Claudia Kemfert ist die Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Seit Jahren trägt sie mit ihren faktenreichen und fundierten Beiträgen wesentlich zu einer ideologiebefreiten Diskussion der Energiewende bei.
Mit ihrem neuesten Buch, das noch vor dem Iran-Krieg, erschienen ist, plädiert sie einmal mehr für eine konsequente Umsetzung der Energiewende und spricht sich mit guten Argumenten gegen täuschendes Stückwerk aus.
Die Lesenden finden auf über 17 Seiten ein umfassendes Fakten- und Quellenverzeichnis und sind damit bestens gegen emotionalisierende Desinformationen gewappnet.
Erfrischend kritisch und engagiert setzt sich Claudia Kemfert mit der vielzitierten „Technologieoffenheit“ als Instrument einer interessengeleiteten Blockadehaltung auseinander und plädiert für Technologieklarheit statt Verwirrung.
Der Autorin gelingt es, deutlich zu machen, warum Deutschland in wichtigen Zukunftstechnologien wegen mangelnder Stringenz von anderen Volkswirtschaften überholt wird. Dies werde – so Kemfert – auf Dauer dem Standort Deutschland erheblich schaden.
Die seit langem gerade vom rechtsextremen politischen Spektrum angefeindete und anerkannte Wissenschaftlerin mahnt uns eindringlich, dass wir in der größten fossilen Energiekrise, „in der wir je waren“, konsequent auf erneuerbare Energien, Elektromobilität und Energieeffizienz statt auf neue Öl- und Gasheizungen oder Gaskraftwerke setzen müssen.
Die Leserinnen und Leser erfahren in diesem verständlich geschriebenen Buch, wie Strompreise zustande kommen und wie erneuerbare Energiepreise niedrig gehalten werden können. Angesichts der gegenwärtigen Energiekrise sind auch dies sicherlich für viele interessante Informationen.
Das Buch ist ein engagiertes Plädoyer für einen Wandel weg von Öl, Gas und Kohle hin zu erneuerbaren Energien. Dies bringe für Deutschland nur Vorteile: es entstünden mehr Arbeitsplätze, das Klima werde nachhaltiger geschützt und Deutschland werde unabhängiger von den Wirren der Weltpolitik.
Claudia Kemfert lädt uns ein, innezuhalten und nachzudenken. Nach ihrer argumentativ belegten Auffassung steht Deutschland am Scheideweg:
„Entweder schaffen wir den Umbau zu einem modernen, klimaneutralen Energiesystem, und sichern damit Wohlstand, Stabilität und Zukunftsfähigkeit oder aber wir verharren in alten Strukturen, abhängig von fossilen Energien und deren Machthabern.“
Wer sachlich einen Beitrag zur Energiewende und zur Zukunft leisten will, der sollte dieses Buch mit vielen verständlichen Beispielen lesen. Es lohnt sich auf jeden Fall. Auch für diejenigen, die anderer Ansicht sind, um die eigenen Argumente auf den Prüfstand zu stellen.
Volker Perthes, „Die Multipolarisierung der Welt. Ein geopolitischer Wegweiser.“ Suhrkamp-Verlag, Berlin 2026
Volker Perthes, ehemaliger UN-Diplomat und langjähriger Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) ist es gelungen, gemachte praktische Erfahrungen in konzentrierter essayistischer Form zusammenzufassen.
Wer an politischen Abhängigkeiten, Eskalationspotenzialen und Verhandlungskorridoren interessiert ist, dem bietet dieses Buch ein Instrumentarium politischer Urteilskraft und öffnet den Blick weit über den lokalen und regionalen Bezug hinaus.
Die machtpolitischen Pole sind für den Autor unterschiedliche Zentren militärischer, geoökonomischer, technologischer variierender Anziehungskraft.
Im ersten Teil des Buches werden die fünf Pole USA, China, Russland, Indien und die Europäische Union kartiert.
Die USA als noch stärkster Akteur, China, das auf das Ende der Vorherrschaft der USA hinarbeitet, Russland als revisionistische Macht, Indien als mehrgleisiger Pol im Werden und Europa als unvollständiges ökonomisches Schwergewicht.
Teil 2 befasst sich mit der auch regionalen Geopolitik. Er zeigt die auch regionale Geopolitik im Nahen und Mittleren Osten, den Wettbewerb um Rohstoffe, Infrastruktur und Sicherheit in Afrika und Südostasien als „Labor“ einer regelbasierten Minimalordnung. Volker Perthes gelingt es darzustellen, wie Mittelmächte die Weltpolitik mitprägen und die Großmächte gegeneinander ausspielen.
Auch weist er überzeugend auf schwindende auch völkerrechtliche Bindungen, steigende Asymmetrien durch zunehmende Blockademöglichkeiten hin.
Damit Europa seine Stellung im globalen Wettbewerb behaupten kann, sind für ihn Verteidigungsfähigkeit, institutionelle Handlungsfähigkeit bis hin zu qualifizierten Mehrheitsentscheidungen in der Außen- und Sicherheitspolitik, eine robuste Wettbewerbs- und Innovationsagenda und ein partnerschaftlicher Umgang mit dem globalen Süden entscheidend.
Denken in Loyalitätstests (für uns … gegen …) verkenne die neue Wirklichkeit und deren Politik der multiplen Bindungen und die handlungsleitende Rationalität.
Das verständlich geschriebene Buch (351 Seiten) schärft den Blick für die politische Weltlage. Für politisch interessierte Leserinnen und Leser eine erfreuliche Bereicherung des Verständnisses internationaler Politik.
Ich wünsche Ihnen erneut eine interessante Lektüre, viele neue oder in Vergessenheit geratene Erkenntnisse sowie motivierende Impulse, auch gedanklich mal neue Wege zu gehen.
Herzlichen Gruß
Ihr
Jörg Max Fröhlich